- 90er Jahre - doch noch Abriss?!

Seit März 2006 steht die "Westliche Riederwaldsiedlung" als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Gemäß § 2 Abs. 2 (2) sind Kulturdenkmäler Straßen-, Platz- und Ortsbilder einschließlich der mit ihnen verbundenen Pflanzen, Frei- und Wasserflächen, an deren Erhaltung insgesamt aus künstlerischen oder geschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht (Gesamtanlagen). Nicht erforderlich ist, daß jeder einzelne Teil der Gesamtanlage ein Kulturdenkmal darstellt. In der Liste der Hess. Denkmäler http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/ kann man nach einzelne Adressen in der Riederwaldsiedlung suchen - wie z.B. Max-Hirsch-Straße 55 aber auch die Pestalozzischule (Vatterstraße 1), Engelsplatz oder die alten Häuser am Erlenbruch. _____________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

90er Jahre - doch noch Abriss?!

Die erneuten Vorstöße zum Abriß in den 90er Jahren führten zu erheblichen Verwerfungen in der Genossenschaft: Heinz Tokarski, die graue Eminenz, war immer noch (nun ehrenamtlich) Mitglied im Vorstand. Nachdem der Diplomkaufmann Georg Schröder die prekäre finanzielle Situation des VBS erfolgreich bereinigt, aber Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der geplanten Sanierung hatte, wurde er kaltgestellt. Noch während seiner Amtszeit wurde der Architekt Felix Schmunk – bisher bei der Nassauischen Heimat für den VBS tätig – in den Vorstand berufen. Die Genossenschaft kündigte auch ihm  – übrigens ähnlich rabiat ging der Vorstand zuvor bereits gegen eine damalige Geschäftsführerin vor. Interimsweise wurde das langjährige Vorstandsmitglied Johann Lossa zum Geschäftsführer ernannt, bis schließlich am 1.1.2006 Ulrich Tokarski, Sohn von Heinz Tokarski, zum Geschäftsführer berufen wurde.



Gerhard Schröder wurde die undankbare Aufgabe zuteil, den Riederwäldern die neuen, alten Pläne, die „Sanierung“ – also die Abrisspläne zu präsentieren. Die Aufregung, die Existenzangst der Riederwälder, ihre Wohnungen zu verlieren, in die sie im Laufe der Jahrzehnte ihre Ersparnisse investiert hatten, die Wut, von IHRER Genossenschaft vertrieben zu werden, war groß. Die Riederwälder waren bereit, für ihren Riederwald, für ihre Wohnungen zu kämpfen:

  • das Aktionsbündnis Lebendiger Riederwald (ALR)
  • der Stammtisch Riederwald
  • die Denk-Mal-Initiative Riederwald (DMR)

Mit Unterstützung aller Parteien im Ortsbeirat 11 wandten sie sich gegen die Abrisspläne. Die örtliche SPD organisierte ein Podiumsgespräch mit dem Geschäftsführer der ABG Frank Junker und dem Vorstandsvorsitzenden des VBS Johann Lossa, den beiden im Riederwald engagierten Wohnungsgesellschaften und erhoffte sich wohl davon eine Annäherung des VBS.

  • Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen ABG, die im östlichen Teil der Siedlung viele Wohnungen besitzt, war schon sehr früh ein Verfechter der Sanierung von Altbauten. Man hatte dort längst mit Sanierungen der bis dato weitgehend vernachlässigten Vorkriegsbauten begonnen – die expressionistischen Gebäude und die Häuser des Neuen Bauens erstrahlen in neuem Glanz. Der ABG-Teil der Riederwaldsiedlung wurde so - langsam , Jahr für Jahr und Straße für Straße - saniert und die gesamte Siedlung aufgewertet – allerdings auch mit dem Nachteil, dass die bisher günstigen Mieten stark angehoben wurden. Aber - ein gelungenes Beispiel dafür, dass sich die Sanierung der Häuser im Riederwald sehr wohl lohne.
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  • Johann Lossa, langjähriges Mitglied im Vorstand -interimsweise geschäftsführender Vorstand, blieb bei der von Heinz Tokarski vorgegebenen Linie: die Altbausanierung sei nicht rentierlich, die Häuser alt und morsch und steuerlich abgeschrieben. Nur mit Neubauten könne die Genossenschaft in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich bleiben.  Die große Aufbau- und Neubauleistungen nach dem Krieg hätten den VBS zu einer der größten und einflussreichsten Genossenschaften in Hessen gemacht. Den Riederwäldern wurde vorgehalten, dass nicht nur der Abriss ihrer Häuser die wirtschaftlich einzig vernünftige Lösung war, nein, ihr Widerstand dagegen schädige die Gemeinschaft, die Genossenschaft und sei unsolidarisch.

Mit flyern an den Haustüren informierten das "Aktionbündnisses Lebendiger Riederwald", der "Stammtisch Riederwald" und die "DenkMal-Initiative Riederwald", alle Frankfurter Tageszeitungen berichteten über die Abrisspläne des VBS und den Widerstand dagegen. Foto: Thomas Richter


Der VBS konzentrierte sich vor allem darauf, den gesamten Block von Ladenzeile/ Rümelinstraße/ Schulze-Delitzsch-Straße zu entmieten und verwahrlosen zu lassen.

Es ist das Verdienst aller Parteien im Ortsbeirats 11, der Stadtverordneten Sybill Meister (CDU) und Stephan Siegler (CDU), von Dr. Hannelore Schneider-Kuszmierczyk und den damaligen Stadtverordneten Dr. Heike Hambrock und Dr. Andrea Lehr, (Die GRÜNEN im Römer), des (inzwischen pensionierten) Planungsdezernenten Edwin Schwarz (CDU), daß die Überzeugung wuchs, dass "der rote Riederwald" als ein frühes Zeugnis der Frankfurter Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ein wichtiger Teil der Frankfurter Stadtgeschichte sei und erhalten bleiben sollte.

Die Frankfurter Tageszeitungen – die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Neue Presse und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, überregionale Zeitungen, Hessischer Rundfunk und Fernsehen – unter anderen auch die Journalistin Ulrike Holler - haben den Kampf um den Erhalt dieses "architektonischen Juwels im Dornröschenschlaf" unterstützt und begleitet.

Der damalige kommissarische Leiter des Deutschen Architekturmuseums, Dr. Wolfgang Voigt, später auch der damalige Leiter des DAM, Dr. Wilfried Wang befanden, dass die Siedlung ein wichtiges und qualitativ wertvolles Beispiel der Heimatschutzarchitektur sei.

Fachleute wie das in Siedlungssanierung weithin bekannte Architektur- und Planungsbüro Die Baufrösche in Kassel bestätigten, dass die Substanz der Häuser immer noch gut war und machten Mut, dass sich der Erhalt der Häuser lohne.

Die Riederwaldsiedlung wurde in die "Route der Industriekultur Rhein-Main" aufgenommen, zahlreiche namhafte Architekten wie Prof. D.W. Dreysse und Stadtplaner und Architekten Zuschlag/von Perbandt haben ihre Stimme für den Erhalt der Siedlung erhoben. Für Architekten ist diese Siedlung einzigartig, weil hier aus dem  Sumpf, dem Nichts eine Siedlung entstand, ein absoluter Neuanfang – ohne historische Wurzeln und Zwänge – ohne Vorbilder. Zudem wurden hier im Laufe des Jahrhunderts Siedlungshäuser in allen wichtigen Baustilen des 20. Jahrhunderts gebaut – Heimatschutzstil, Neues Bauen, Expressionismus, die der 30er und die schlichten Bauten der 50er Jahre, die Hochhäuser der 70er und die Postmoderne der 90er. Studenten – vor allem von der Universität Karlsruhe - machten und machen Exkursionen in die Siedlung, um hier vor Ort zu erfahren, wie die von verschiedenen namhaften Architekten entworfenen Gebäude zur Behebung der allgemeinen Wohnungsnot heute aussehen, um herauszufinden, wie sie sich entwickelt haben und wie es sich darin lebt.

 

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